Link-Einträge mit dem Tag „Arbeit“

Kaffeeküchenkampf

Die Regel ist einfach und wurde über Jahrzehnte überliefert. Derjenige, der als erster das Büro betritt und in die gemeinsame Kaffeekasse eingezahlt hat, muss sich an der Maschine zu schaffen machen und das braune, wachmachende Gebräu nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen zubereiten. Wer sich unverständlicherweise zuerst hinter seinem monströsen Röhrenbildschirm setzt, den altersschwachen Bürocomputer aus der Totenstarre holt und seine Mails abruft, fällt schneller als ihm lieb ist in Ungnade.


Heute betritt Herbert als erster die Szenerie und ärgert sich insgeheim darüber. Er hätte anders handeln können. Leider wurde ihm das aber erst dann bewusst, als er bereits den ersten Fuß auf den billigen, grau-braunen Sisalteppich gesetzt hatte. „Ein kluger Schachzug wäre es gewesen, wenn ich vorher ausgeschert wäre und auf der Toilette im Flur, noch eben auf die Schnelle, einen Bierschiss in die Keramikschüssel gehämmert hätte“, denkt er und fügt gedanklich den Neologismus: „Hätte, hätte Fahrradkette“, an...


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Neulich war es laut. Neulich war es blutig. Neulich war ich auf Hundertachtzig. Alkohol macht frei, macht enthemmt und macht unbedeutend. Eine mickrige, armselige Figur, die den Mund aufreißt und mit Schimpfwörtern um sich schmeißt. Alles gequirlte Kacke. Für einen nüchternen Menschen nicht zu begreifen und kaum zu ertragen. Ein Treffen mit alten Freunden. Alles Familienväter, die von ihren Frauen Ausgang bekommen haben. Das Bier fließt in Strömen. Fußball läuft. Dortmund gewinnt. Hier ein Schnaps da ein Bier. Herrengedeck. Alle sind redselig, ja freizügig in ihren Äußerungen. Gespräche über Familie und Beruf. Schimpfen über die Firma und Kritik am Handeln der Frau.


Immer wieder herausgehen zum Rauchen. Draußen mit anderen Rauchern über das Spiel diskutieren. Zu viele Chancen vergeben, trotzdem gewonnen. Die Meisterschaft ist noch weit weg, aber immer möglich. Kneipe wechseln. Durch die nächtliche Stadt irren und im schummrigen Licht am Baum urinieren. Die anderen sind schon weit voraus. Keiner wartet. Schnell pinkeln und laufen um die anderen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein paar Tropfen des warmen Urins landen in der Unterhose...


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Heute spucke ich mal ein paar Worte aus. Rotze sie einfach auf den glänzenden, metallischen Boden des Autoscooter. Ich bin einer von den Männern die zum Mitreisen gesucht und gefunden wurden. Ich bin es, der die billigsten Klamotten trägt, die er finden kann. Ich bin es, der immer eine Cap auf dem Kopf trägt, um seine strähnigen, ungewaschenen Haare darunter zu verstecken. Ich bin es, der keine richtige Heimat und keine richtige Familie hat. Alle unter dem Torf, von der Sippe.


Pennen tue ich im altersschwachen Wohnwagen, mit drei anderen schäbigen Gesellen. Sie sind meine Kollegen, meine Freunde und irgendwie auch meine Familie. Man könnte Mitleid mit mir haben, wenn da nicht der Schlüssel wäre, der mit einer Kette an meiner gammeligen Jeans befestigt ist. Den Schlüssel schiebe ich immer wieder in die elektrifizierten Seifenkisten und bin sodann der Held des Abends. Geschickt steuere ich das alleingelassene Gefährt im Stehen durch die anderen, weiche ansehnlich den bereits besetzen aus, lächele den weiblichen Teenagern zu und zeige meinen Kontrahenten den imaginären Stinkefinger...


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Der Agenturkunde

Auch ich gehöre zu der Truppe, die beim Arbeitsamt diverse Formulare ausgefüllt hat, damit die Versicherung, für die man jahrelang eingezahlt hat, auch greift. Agentur für Arbeit schimpft sich die Behörde heute, wurde ich belehrt als ich das erste Mal durch die Drehtüren ging, die Heiligen Hallen betrat und mich nach endloser Wartezeit, in einer Schlange, die der im Freizeitpark vor der beliebtesten Achterbahn glich, vor einer Dame wiederfand, die sich mit ihrer Arbeit bei der Agentur mehr als identifizierte.


Ich hatte erst vor ein paar Stunden die Kündigung von meinem Chef, der mich nie so richtig lieben lernen konnte, in die Hand gedrückt bekommen und von der Personalchefin für den Rest des Tages freibekommen, damit ich mich persönlich beim Arbeitsamt, arbeitssuchend melden konnte. Wie nett von der Dame mit dem Pferdearsch, den ich immer wieder bestaunte, wenn sie wieder einmal mit enormem Tempo an meiner Schreibtisch-Bucht vorbeisauste und meinen immer höher werdenden Stapel an Arbeit bedenklich zum Wanken brachte. Im Übrigen benutze auch sie, als eine Frau die es besser wissen müsste, den anscheinend falschen Terminus technicus: Arbeitsamt...


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Nichts ist schöner als die Sommerabende auf dem eigenen Balkon, unter dem Sonnenschirm mit einer kühlen Maurerbrause in der Hand zu verbringen und den Tag ausklingen zu lassen. Ein unverbauter Blick auf einen zehn Meter breiten Wiesenstreifen, mit einer großen alten Birke, die Häuserwand des Nachbarhauses und deren Mülltonnen davor, lässt einem die trüben Gedanken, an die hassenswerte Maloche, am dritten Tag des absolut verdienten Urlaubs, endgültig vergessen. Wenn dann noch drei bis fünf von den dicken, billigen Bratwürstchen und den leckeren abgepackten Nudelsalat, im Plastikeimer, aus dem hiesigen Discounter von der Dame des Hauses kredenzt werden, ist das Leben wieder in Ordnung.


Damit der herzhafte Fraß noch besser mundet, wird nach jedem Bissen eilig ein riesiger Schluck des Bieres, aus der Plastikflasche, in den Hals geschüttet und danach ein donnernder Rülpser in die Abendluft entlassen. Ist der Mann endlich, nach dem dritten Teller, gesättigt wird geschwind der Gürtel und der Knopf der abgewetzten, gammeligen Jeanshose geöffnet, damit noch ein paar Bier in Schlund gekippt werden können. Dabei raucht er, wie immer, eine Roth-Händle ohne Filter, verweilt regungslos in dem gepolsterten Kunststoffstuhl, und richtet seinen trüben, glasigen Blick auf die Mülltonen des Hauses gegenüber...


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Bergfest

Schon um zwölf, bekommt der aufmerksame Beobachter mit, dass die ersten Bürokolosse mit den Füßen scharren. Hunger steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Deutlich und unverkennbar macht sich eine Unruhe breit, die darauf hindeutet, dass die Mittagspause nicht mehr weit entfernt ist. Bereits um viertel nach zwölf, bekommt die Auszubildende, mit den dicken Glocken und den blonden langen Haaren, eine besondere Aufgabe, die ihre vollste Aufmerksamkeit und Konzentration fordert. Sie muss die Bestellungen der Angestellten aufnehmen und diese, telefonisch, dem lokalen Döner-Laden übermitteln. Hier darf ihr kein Fehler passieren, denn sie will auf keinen Fall das Unmut bei Ihren Kollegen aufkommt. Schnell gerät sie sonst unter die imaginären Räder und wird noch mehr als schon jetzt zum Gespött der meist fettleibigen, alternden Angestellten, denen eine ausgewogene Mahlzeit von der türkischen Fressbude, dem italienischen Pizza-Dealer oder der gutbürgerlichen Frittenschmiede, in deutscher Hand, wichtiger ist als alles andere. Das Highlight des gesamten Arbeitstags. Miefige Fritten mit phosphathaltiger Currywurst, knoblauchgetränktes Fladenbrot mit ranzigem Fleisch und matschiger Salateinlage, oder steinharte Pizza mit zwei bis drei Scheiben Salami und ein wenig geriebener Käse sind immer noch besser als alles was die Alte daheim auf das kleine Esstischchen, der muffigen Küche, zaubert...


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